Von Stefan Weidner
Sucht man nach der arabischen Literatur jenseits von »Tausendundeiner Nacht«, macht sich ein eigenartiges Phänomen bemerkbar. Beim besten Willen gelingt es nur schwer, den Blick scharf zu stellen, den richtigen Fokus zu finden. Bei einem geographischen Raum, der zweiundzwanzig zum Teil höchst unterschiedliche Länder umfaßt und sich vom Atlantik bis zum Persischen Golf erstreckt, sollte das nicht verwundern. Was die Araberinnen und Araber gegenwärtig schreiben, ist denkbar heterogen, vielfältig und unberechenbar. Daran haben Frauen einen entscheidenden Anteil – ein Zeichen dafür, daß die arabische Literatur wirklich in der Moderne angekommen ist.
Die Anfänge arabischer Frauenliteratur
Entgegen den herrschenden Vorurteilen (und dem Frauenbild mancher Muslime heute) ist zunächst festzuhalten, daß Frauen in der arabischen Literatur stets präsenter als in der lateinisch-griechischen Antike und im europäischen Mittelalter waren. Schon in der Frühzeit des Islams im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel ist die Dichterin al-Khansa hervorgetreten. Ihr werden einige der berühmtesten arabischen Trauergedichte zugeschrieben – es sind die frühsten arabischen Texte, die eindeutig von einer Frau stammen. Nach al-Khansa sind vor allem religiös-mystische Dichterinnen bekannt geworden.
Die Dichterinnen in arabischen Andalusien gaben sich dagegen sehr weltlich. An Selbstbewußtsein und Freizügigkeit in der Wortwahl standen sie ihren männlichen Kollegen nicht nach. Für Muhdja bint al-Tayyâni aus dem 11. Jahrhundert zum Beispiel war der Penisneid noch ein Fremdwort: »Dank für die frischen Pfirsiche, die du mir schenkst! (…) / Sie sind so wohlgerundet wie der Mädchen Brüste, / doch lassen jeden Penis sie vor Neid erblassen!«
Das mittelalterliche Andalusien markiert den Höhepunkt der vormodernen arabischen Frauenliteratur. Für die Fortsetzung begeben wir uns im Direktflug ins zwanzigste Jahrhundert, nicht ohne hinzuzufügen, daß die Frauen (und die Liebe zu ihnen) seit der vorislamischen Dichtung eines der beliebtesten Themen der arabischen Literatur waren, und daß den Frauen dabei häufig eine eigene Stimme zugeschrieben oder angedichtet wurde. Scheherazade, die listige Erzählerin der Geschichten von Tausendundeiner Nacht, ist nur das berühmteste Beispiel für diese wortmächtigen Frauengestalten.
Der Sprung in die Moderne
Der Zeitsprung hat uns ins Bagdad des Jahres 1947 geschleudert. Vor fünfzehn Jahren aus der britischen Mandatsherrschaft entlassen, wird der Irak von einer englandhörigen Marionettenregierung und einem schwachen König beherrscht. Das Land ist hochpolitisiert: 1942 war ein von den Achsenmächten provozierter Umsturzversuch gescheitert, und nach Kriegsende erstarkten die Kommunisten im Land. Die revolutionäre Stimmung ergriff auch die jungen Intellektuellen an den Universitäten, unter anderem auch die 1923 geborene Studentin Nazik al-Malaika. Sie schrieb Gedichte, und sie tat dabei etwas, was vorher in dieser Konsequenz noch niemand gemacht hatte: sie bricht mit den seit ältester Zeit gültigen Regeln der arabischen Verslehre, verzichtet auf den Monoreim und die strenge Metrik. Mit dieser neuen, individualisierten Form eignet sich das Gedicht auf einmal für neue Inhalte. Plötzlich handeln die Gedichte von dem, was vorher verpönt war: vom Individuum, vom Seelenleben und Seelenleiden des Dichters und der Dichterin, von der Identitätssuche, gerade auch der weiblichen. In einem ihrer berühmtesten Gedichte schreibt Nazik al-Malaika:
Das Selbst fragt: Wer bin ich?
Ich gleiche ihm und starre kopflos in das Dunkel dieser Welt,
Gar nichts ist mir vergönnt, was Frieden mir gewährt,
Und das, was ich verlange – die Antwort - ,
Bleibt vom Trugbild verstellt.
Stets glaube ich, daß sie sich nähert,
Doch wenn ich einkehr´n will in ihren Hort,
Schmilzt sie, verlöscht sie, ist fort!
Die Sätze könnten als Motto über der gesamten arabischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg stehen, und zwar besonders, aber keineswegs nur, über der Frauenliteratur. Die Innerlichkeit hat Al-Malaika jedoch nicht davon abgehalten, die gesellschaftliche Rolle der Frauen direkt zu thematisieren. Zeitgleich mit Al-Malaika arbeiteten auch andere irakische Dichter an der nun wie ein Lauffeuer um sich greifenden Erneuerung der arabischen Poesie. Die männliche Dominanz über die arabische Literatur wurde 1947 zwar nicht gebrochen – dennoch zählten von nun an, und vielleicht zum ersten mal in der Geschichte der arabischen Literatur, die Frauen gleichberechtigt und mit unbestreitbar ebenbürtigen literarischen Werken dazu.
Eine Art arabischer Sylvia Plath ist in diesem Kontext die aus Syrien stammende, 1986 im Alter von einundfünfzig Jahren an Krebs verstorbene Saniah Salih. Unter den modernen arabischen Dichterinnen ist sie die schwierigste und zugleich kraftvollste. In bis dahin unerhörter Weise thematisiert sie die Körperlichkeit: »Welche jähzornige Kraft / reißt die Föten rücksichtslos aus unseren Bäuchen?« Und in dem Gedicht »Ein verheerender Liebhaber« heißt es:
Als Unterlegene
Wird die Geliebte
Aus ihrer langen Nacht
Durch die Mündung der Schornsteine entlassen;
Mit ihren Kindern und Pferden
Ergibt sie sich dem Wind,
Eine Meute blutrünstiger Liebhaber
Macht Jagd auf sie.
Mit diesem Gedicht vom Anfang der achtziger Jahre ist die Lyrik der arabischen Frauen derjenigen ihrer männlichen Kollegen in Punkte Aufrichtigkeit ebenso voraus wie vor fast 1400 Jahren al-Khansa ihren Zeitgenossen. Während sich Dichter, ihren oftmals monströsen politischen Illusionen nachtrauernd, zumeist in großen Gesten gefallen und nur in Ausnahmen für individuelle Visionen und Empfindungen eine Sprache finden, haben die Frauen den Mut zum Eigenen, zum Unkonformismus, zum Bekenntnis immer schon gehabt.
Die Lyrik eignet sich für eine Einführung ins weibliche Schreiben in der arabischen Welt deshalb so gut, weil sie die Entwicklung und die Themen dieser Literatur unter dem Brennglas zeigt. Als hochkonzentriertes Wortmaterial findet sich dort, was auch die Erzählliteratur bestimmt. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert kam für eine Frau mit genuin literarischen Ambitionen überhaupt nur die Lyrik als Gattung in Frage – oder das Ausweichen ins Französische: 1957, als es immer noch keinen arabischen Roman aus weiblicher Feder gab, hatte die kaum einundzwanzigjährige Algerierin Assia Djebar mit ihrem ersten Roman La soif bereits einen Skandalerfolg erzielt.
Im Osten des Mittelmeerraums, auf arabisch, verlief die Entwicklung anders. Die 1886 in Palästina geborene, in Libanon aufgewachsene und schließlich in Kairo wirkende Mayy Ziyade (gest. 1941) hatte während des Ersten Weltkriegs als erste Frau Vorlesungen an der Ägyptischen Universität besucht und entfaltete später eine rege schriftstellerische Tätigkeit jenseits von Lyrik oder Prosa. Sie kämpfte als Journalistin für die Emanzipation, hielt einen Salon, in dem sich die wichtigsten ägyptischen Schriftsteller ihrer Zeit trafen und übersetzte drei Romane, ohne jedoch selbst einen zu schreiben.
Daß die ersten arabischen Romanschriftstellerinnen schließlich ausgerechnet in Beirut auftraten, wundert nicht. Einerseits war Beirut so eng mit der französischen Kulturszene vernetzt, daß die Renaissance des weiblichen Schreibens mit Gestalten wie Simone de Beauvoir hier stärker als sonst in der arabischen Welt rezipiert wurde. Andererseits war Beirut das Zentrum des arabischen Verlags- und Zeitungswesens und Sitz bedeutendsten Universitäten und Colleges. Der erste arabischsprachige Roman einer Frau erschien 1958 und stammt von der Libanesin Laila Baalabakki. Baalabakki war schiitische Muslimin, und als das Buch erschien, gerade einmal zweiundzwanzig Jahre alt. Der heute noch lesenwerte Roman trägt den bezeichnenden Titel Ich lebe und ist eine typische arabische Emanzipations- und Befreiungsgeschichte – typisch auch insofern, als die Emanzipation unvollendet bleibt, ja letztlich sogar scheitert. Zwar gelingt es der Heldin, sich von den muslimischen Traditionen und ihrem Elternhaus zu emanzipieren, sie verdient ihr eigenes Geld, studiert und traut sich sogar, wie Männer im Café zu sitzen. Doch schließlich verfällt sie der Amour fou zu einem revolutionär eingestellten Studenten mit Macho-Attitüden und verrät all die mühsam errungene Autonomie. Sie erkennt dies zwar selber und protokolliert es im Buch, kann sich jedoch nicht dagegen wehren.
Neupositionierungen
Viele arabische Frauenromane der sechziger und siebziger Jahre bewegen sich im Zwiespalt zwischen emanzipatorischem Selbstbewußtsein einer modernen Frau und der offenbar tief in der Psyche verankerten Orientierung an patriarchalen Strukturen. Anders als im Fall der Lyrik ist schon der bloße Akt weiblichen Erzählens in der arabischen Welt ein Politikum. Für ihr zweites Buch, wurde Laila Baalabaki wegen Verstoßes gegen die öffentliche Moral verklagt. Da es in dem Buch jedoch keine expliziten Stellen gibt, lag die Anstößigkeit allein in der Tatsache, daß eine Frau es wagte, von ihrem Begehren zu erzählen. Zwar wurde Baalabaki freigesprochen, aber mit der Auflage, fürderhin ihre Bücher der Zensur vorzulegen.
Die so von der Gesellschaft zwangspolitisierte Literatur wandte sich im Lauf der sechziger Jahre zunehmend direkt der Politik und der sozialen Lage der Frauen zu. Hier sind unter vielen anderen zwei Ägypterinnen hervorgetreten. Zum einen Nawal as-Saadawi (geb. 1931), die lange als Ärztin arbeitete. Einer ihrer bekanntesten Romane, Eine Frau am Punkt null, erzählt die Geschichte einer Prostituierten, die im Gefängnis auf ihre Hinrichtung wartet. As-Saadawi gilt als eine der kämpferischsten arabischen Schriftstellerinnen und ist die herausragende Vertreterin des arabischen Feminismus. Die 1949 geborene Salwa Bakr ist dagegen im Marxismus sozialisiert worden und engagierte sich zeitweilig stark für den palästinensischen Widerstand. Der goldene Wagen fährt nicht zum Himmel ist ein Panorama verschiedener Frauenschicksale, wie sie Salwa Bakr während eines dreimonatigen Gefängnisaufenthaltes kennenlernte. Die aufreibende Lage der Frauen in Palästina zwischen Emanzipationsversuchen und den Schikanen der israelischen Besatzung beschreibt hingegen in vielen, oftmals bewegenden Büchern Sahar Khalifa. Seit ihrem ersten Roman mit dem eindeutigen Titel Wir sind nicht länger eure Sklaven (1973) gilt sie als die wohl wichtigste Vertreterin arabischer Frauenliteratur. In Nablus leitet sie heute ein Frauenzentrum. In Palästina verficht sie die Frauenrechte, außerhalb ist sie eine beredte Anwältin der palästinensischen Sache.
Auch wenn das weibliche Schreiben in der arabischen Welt immer eine politische Dimension hat, ist doch seit den neunziger Jahren, wie in der arabischen Literatur allgemein, eine Abkehr von explizit politischen oder sozialen Themen festzustellen. Iman Mirsal bringt den neuen Blick auf die politischen Träume von einst selbstironisch auf den Punkt:
Wenn ich vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehe
in dem die Damenunterwäsche erblüht ist
muss ich immer an Marx denken.
Die Verehrung für Marx ist das einzige,
was die Männer gemeinsam hatten,
die ich liebte und denen ich,
mal mehr, mal weniger
erlaubte, einige dieser wilden Blumen
von meinem Körper zu pflücken.
Marx, Marx: ich werde dir nie verzeihen!
Unter den Prosaschriftstellerinnen aus Mirsals Generation, die sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht haben, sind die Ägypterinnen Majj al-Tilmissani (geb. 1965) und Miral al-Tahawi (geb. 1968) bereits in viele Sprachen übersetzt. Während Tilmissani aus autobiographischer Perspektive in der Erzählung Dunjasad die Erfahrung einer Totgeburt verarbeitet, schreibt al-Tahawi hochverdichtete, symbolisch aufgeladene Leidensgeschichten.
Das Skandalpotential weiblichen Schreibens in der arabischen Welt entzündet sich ja an der Vermutung, Autobiographisches und damit authentisches weibliches Begehren brächen sich Bahn und würden mehr oder weniger explizit zur Sprache gebracht – ein Effekt, der auch in unserer Literaturszene nicht völlig unbekannt ist und das Fräuleinwunder der deutschsprachigen Literatur in den neunziger Jahren entschieden mitbewirkt hat. Selbstbewußte Autorinnen kalkulieren diesen Effekt mit ein, mittlerweile sogar in der arabischen Welt. So errang es die algerisch-libanesische Schriftstellerin Ahlam Mostaghanemi mit einem Liebesroman vor dem Hintergrund des algerischen Bürgerkriegs einen der seltenen arabischen Bestsellererfolge. Mag man sich über den literarischen Wert dieses Werks auch streiten, so ist es doch ein Zeichen für die zunehmende Akzeptanz der femininen arabischen Literatur jenseits elitärer, nach Westen orientierter Zirkel.
Die Situation heute
So schwierig für Frauen die literarische Tätigkeit nach wie vor ist, vor allem in den traditionelleren, den weniger von urbanen Zentren geprägten Ländern auf der arabischen Halbinsel (Jemen, Saudi-Arabien, Bahrein, Oman), so ist das größte Handicap doch eines, unter der auch die männlichen Schriftsteller zu leiden haben: Es gibt keine breite Lesekultur und damit zu wenig Leser; kaum einer der arabischen Autorinnen und Autoren kann von der schriftstellerischen Tätigkeit leben. Während bei uns vor allem Frauen lesen, sind die Frauen in der arabischen Welt noch stärker von Analphabetismus und der Bildungsmisere insgesamt betroffen. Auch wirtschaftlich sind sie abhängiger, und sind die meisten Bücher schon für einen normalverdienenden Mann zu teuer, sind sie es für die Frauen erst recht. Säkulare Literatur ist in der arabischen Welt eine Sache der Intellektuellen, nicht der breiten Bevölkerung. Auch wenn der Literaturbetrieb, vor allem die Kritik und das Verlagswesen, von Männern beherrscht werden, sind doch die miserablen sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen für Schriftsteller das zentrale Problem für alle, gleich welchen Geschlechts. Selbst das in den meisten arabischen Ländern heutzutage übrigens nur noch sporadisch eingesetzte Mittel der literarischen Zensur nimmt sich dagegen als zweitrangiges Problem aus. Nicht einmal ein sehr bekannter belletristischer Autor kann in der arabischen Welt mit seinen Büchern ausreichend Geld verdienen. 3000 verkaufte Exemplare sind für die meisten ein Wunschtraum, wer mehr absetzt, gilt schon als Star – und kann doch nicht davon leben. Fast alle Schriftsteller sind zusätzlich auf Jobs angewiesen.
Angesichts dieser Situation ist das, was die arabischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller in den letzten 50, 60 Jahren geleistet haben überragend. Against all odds haben sie der arabischen Belletristik in kürzester Zeit Rang und Namen in der Weltliteratur verschafft. Heute bietet die arabische Literatur im wahrsten Sinne des Wortes alles: Spitzenwerke und kitschige Banalitäten, Experimentelles und Klassisches, Blasphemisches und Restauratives. Die arabische Literatur hat gegenwärtig nichts mehr mit der Wüste zu tun, der sie - in der Form der vorislamischen Beduinendichtung - ihren Ursprung verdankt. Eher ähnelt sie einem Dschungel. Schon um den schmalen Pfad dieses Artikels hindurch zu schlagen, war ein kräftiges Buschmesser von Nöten. Immerhin liegt mittlerweile soviel arabische Literatur auf deutsch vor, daß jede Leserin und jeder Leser sich ihren und seinen Orient selbst erlesen kann.
Im Text erwähnte Literatur:
Baalabakki, Laila: Ich lebe. Roman. Lenos 1994.
Bakr, Salwa: Der goldene Wagen fährt nicht zum Himmel. Roman. Lenos, Basel 1997.
Bayyati, Abdu l-Wahab al-: Aischas Garten. Ausgewählte Gedichte. Verlag Hans Schiler, Berlin 2003.
Sayyab, Badr Shakir as: Die Regenhymne und andere Gedichte. Verlag Hans Schiler, Berlin 2004.
Scheich, Hanan al-: Sahras Geschichte. Lenos, Basel 1989.
Tahawi, Miral: Das Zelt; Gazellenspuren; Die blaue Aubergine. Alle: Unionsverlag, Zürich 2001, 2002, 2006.
Tilmissani, Majj: Dunjasad. Erzählung. Lenos, Basel 1999.
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