WECHSELSTROM - Autorinnen aus arabischen Ländern auf Tournee
 
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Presseabdruck aus: Badische Zeitung (07. Oktober 2008)


Moderne Sheherazaden

Projekt "Wechselstrom": Drei arabische Autorinnen zu Gast beim Literaturbüro Freiburg

 

Am Wochenende stand Freiburg im Zeichen moderner arabischsprachiger Literatur. Im Rahmen des diesjährigen "Wechselstrom" -Projekts hatte das Literaturbüro Freiburg vier Autorinnen aus arabischen Ländern eingeladen — eine davon, Dima Wannous aus Syrien, konnte dann doch nicht kommen. Freiburg war die Schaltzentrale: Bis zum heutigen 7. Oktober ist das Literaturbüro mit den drei Autorinnen aus dem Libanon, Ägypten und Palästina auf Tournee. Weitere Stationen sind München und Berlin.

 

Der große Andrang bei der Eröffnungsveranstaltung im Alten Wiehrebahnhof sprach für das immer stärker werdende Bedürfnis nach einem realitätsnahen und unverstellten Blick auf kulturelle und soziale Entwicklungen in der arabischen Welt. In der von dem Islamwissenschaftler und Autor Stefan Weidner moderierten zweisprachigen Lesung mit Alawiyya Sobh aus dem Libanon, Adania Shibli aus Palästina und Sahar Elmougy aus Ägypten wurde schnell deutlich, dass schreibende Frauen dort schon lange keine Ausnahme mehr sind und immer mehr die Kulturszene bestimmen. Seien es Journalistinnen, Schriftstellerinnen oder Verlegerinnen — die Stimme schreibender arabischer Frauen wird lauter und selbstbewusster. Während in westlichen Ländern das Publikum vor allem Leserinnen darstellen, gelingt es angesichts der hohen Anzahl von Analphabetinnen und erschwerter sozioökonomischer Bedingungen arabischen Autorinnen nur schwer, ein breiteres Publikum zu erreichen. Wie ihre männlichen Kollegen können sie kaum vom Schreiben allein leben. Die drei eingeladenen Autorinnen sind alle auch im Journalismus tätig.

 

Als sehr bereichernd für ihre literarische Arbeit wird die sich daraus ergebende sozial-analytische Sichtweise vor allem von der libanesischen Autorin Alawiyya Sobh empfunden. Der "unbestrittene Protagonist" ihres Romans sei "die gesellschaftliche Unterdrückung" , so Sobh. "Maryam der Geschichten" wird 2009 bei Suhrkamp auf Deutsch erscheinen. Darin arbeitet sie anhand verschiedener weiblicher Figuren und deren Erinnerungen die Vergangenheit Beiruts über drei Generationen und die Wunden, die der Krieg bis heute hinterlassen hat, auf. Religiöse und sexuelle Tabus werden aufgebrochen und die Widersprüchlichkeiten des Alltags mit Wortwitz und Sarkasmus ad absurdum geführt.

 

Wo positionieren sich moderne arabische Autorinnen? Sehen sie sich in der Tradition von Sheherazade aus Tausendundeinernacht, der ersten großen Geschichtenerzählerin überhaupt? Obwohl bestens mit Weltliteratur vertraut, scheut auch Adania Shibli, die jüngste der Autorinnen, nicht den Vergleich mit Sheherazade, die gleichzeitig Sinnbild für eine reiche mündliche Literatur im gesamten Orient ist. Autochthone Erzählformen werden somit verbunden mit modernen Techniken wieder zum Leben erweckt.

 

Doch inwieweit lässt sich von einem typisch weiblichen Schreiben in der arabischen Literatur sprechen? Auch wenn im Mittelpunkt der arabischen Frauenliteratur in erster Linie die Erkundung der eigenen Persönlichkeit, und immer mehr Themen wie Sexualität und Erotik stehen, verwahren sich die Autorinnen dagegen, den Antrieb für ihr literarisches Schaffen darauf zu reduzieren. Schreiben ist für sie vor allem anderen ein identitätsstiftender Akt der Befreiung, zu dem auch die Loslösung von einem aus der männlichen Perspektive gezeichneten Frauenbild in der arabischen Literatur gehört. "Sich durch die eigenen Augen sehen" ist erklärtes Ziel: Die Stimmen von Adania Shibli, Sahar Elmougy und Alawiyya Sobh haben seine Verwirklichung bereits bewiesen.

 

Sandra Megahed

 


 
   
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