Wir können nicht über die Kultur in der arabischen Welt sprechen, ohne auf ihren sukzessive erfolgten Niedergang einzugehen. Kultur ist noch immer ein Luxusgut, das nur eine marginalisierte und gleichzeitig schwache Minderheit genießt, und insofern kann man die Situation der Kultur nur als bedrückend bezeichnen. Kultur kann sich nur entfalten, wenn sie auf eine breite Basis gestellt und als Selbstverständlichkeit betrachtet wird, was jedoch aus vielen Gründen unmöglich zu sein scheint. Der wichtigste Grund ist die miserable wirtschaftliche Situation in der arabischen Welt allgemein. Die Menschen sind eher damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, statt sich mit Kultur auseinanderzusetzen. Zweitens ist da die soziale und politische Abschottung, die mit der Zeit gleichfalls zur Zerstörung eines kulturellen Erbes, einer Blockade der künstlerischen Inspiration und zur Herausbildung von Vorurteilen gegenüber den Intellektuellen beitrug. Drittens haben wir es mit einem Sieg des Extremismus über die Kultur zu tun, der wiederum mit den beiden vorab genannten Gründen (Armut und soziale Abschottung) zusammenhängt. Hinzu kommt, dass sich diese extremistischen und in sich geschlossenen Strömungen in ihrem Diskus direkt ans Volk wenden und Verheißungen verkünden, während die Intellektuellen einen elitären und komplizierten Diskurs pflegen. Der Anstieg der Gewalt in der arabischen Region trug neben diesen Gründen gleichfalls zum Niedergang der Kultur bei. Aus all diesen Gründen ist meiner Meinung nach der Einfluss des Schriftstellers in der arabischen Gesellschaft begrenzt. Das hängt zum einen mit der engen Perspektive zusammen, unter der der Schriftsteller selbst in seinem engen Umfeld leidet; zum anderen mit dem teilweisen Verschwinden einer an Kultur interessierten Schicht, und zu guter Letzt, mangelt es an Instrumenten zur Entwicklung der Kultur.
Die klägliche Situation der syrischen Verlage
In Syrien scheint das Problem noch komplizierter zu sein als in anderen arabischen Ländern. Dies liegt unter anderem an der Finanzschwäche vieler Verlage, aber auch an dem irrigen Verständnis, das diese Verlage von den syrischen Schriftstellern haben. Das erste Problem besteht kurz gesagt darin, dass ein Verlagsprojekt in Syrien meist der Eigeninitiative einer Person zu verdanken. Es gibt keine Institutionen, die sich um die Kultur kümmern, denn meist wird das Kapital in der Wirtschaft und im Handel investiert, statt im kulturellen Bereich. Und weil die syrischen Verlage von Personen geleitet werden, denen es an finanziellen Mitteln mangelt, führt dies zwangsläufig dazu, dass syrische Bücher in den arabischen und ausländischen Buchhandlungen keinen Platz finden. Hinzu kommt, dass die finanzielle Schwäche dieser Verlage es ihnen nicht erlaubt, sich um die Vermarktung und um Übersetzungen zu kümmern und an ausländischen Buchmessen teilzunehmen. So bleibt das syrische Buch auf den heimischen Markt beschränkt - benachteiligt und unbeachtet. Außerdem unterliegen die syrischen Verleger der irrigen Annahme, dass die syrischen Autoren dringend auf sie angewiesen und deshalb bereit seien, unzählige Konzessionen zu machen, damit ihre Bücher – ehrenvollerweise - veröffentlicht werden. Hinzu kommen - nicht minder wichtig - die roten Linien, die die Autoren zu beachten haben, wenn sie ihre Werke in ihrem Land veröffentlichen möchten. So geschieht es, dass sie nach anderen Schlupflöchern in Beirut oder Kairo suchen.
Finanzielle Sorgen
Die miserable finanzielle Situation, unter der die arabischen Schriftsteller selbst leiden, trug gleichfalls zum Niedergang der Kultur bei. Die Einnahmen, die sie durch ihre literarischen Werke erwirtschaften, decken nicht einmal die hohen Lebenshaltungskosten. Das führte zum Beispiel dazu, dass die Schriftsteller in Syrien anderen Tätigkeiten nachgehen und das Schreiben lediglich als Hobby betrachten. Außerdem gehen sie große Kompromisse ein, indem sie etwa Fernsehserien schreiben, die zwar dem Geschmack einer breiten Schicht entsprechen, häufig aber nichts mit ihren eigenen Ansichten und Ansprüchen gemein haben. Vielleicht üben sie auch langweilige Verwaltungstätigkeiten aus, die ihrer Inspiration nicht förderlich sind, oder sie verschwenden ihre Zeit mit dem Schreiben von oberflächlichen Wochenbeiträgen, die keiner intensiven Forschungen bedürfen.
Das allgemeine kulturelle Klima
In Syrien mangelt es insgesamt an einem vielfältigen Kulturleben. Es gibt keine ernsthafte Theater- und Filmszene, keine Kulturforen und Kulturzeitschriften, was wiederum eine immer intensivere Beschäftigung des Autors mit sich selbst und eine Vertiefung des Grabens zwischen der Kultur und der Masse zur Folge hat. Das Filmfestival findet jährlich zwei Wochen lang in Damaskus statt, dann verschwinden die Filme aus den wenigen und jämmerlichen Kinosälen. Während des jährlichen Theaterfestivals werden ausländische und arabische Theatergruppen eingeladen, dann schließen die Theater ihre Tore, abgesehen von einigen wenigen Vorstellungen des experimentellen Theaters. Einmal im Jahr gibt es eine einwöchige Buchmesse, danach wird das Auffinden bestimmter Bücher beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn wir über die arabische Welt allgemein sprechen, müssen wir feststellen, dass es auch dort an einem wirklichen Interesse an Kultur mangelt. Es gibt keinen einzigen Satellitensender, der sich der Kultur widmet, stattdessen dutzende Sport- und Unterhaltungssender, die enorm hohe Zuschauerzahlen verbuchen können.
Neue Kriterien und unterschiedliche Ziele
Auf der anderen Seite haben sich die Kriterien für eine Publikation von Büchern in der arabischen Welt verändert. Der »mutige« Text, der die Sexualität und die Homosexualität zum Thema hat, wird mittlerweile am häufigsten gelesen und verboten und damit am meisten verkauft. Genau solche Texte werden von den Verlagen verlangt, ohne dass sie sich um die klägliche Sprache, den schwachen Textaufbau und die oberflächliche und seichte Behandlung des Themas scheren. Diese veränderten Kriterien sind auch eine Folge des Verfalls der Kultur und des Niedergangs des Geschmacks der arabischen Leser. Der seichte, oberflächliche Text wird deshalb verlangt, weil dem Leser die Geduld für einen dreihundertseitigen Text oder eine ernsthafte Analyse fehlt. In der arabischen Welt war das Lesen niemals Teil des täglichen Lebens und ist es bis heute nicht geworden. Es blieb stets ein Hobby oder eine Freizeitbeschäftigung, und dafür bietet sich natürlich ein leichtes Buch mit leidenschaftlichen Geschichten als erste Wahl an.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
