WECHSELSTROM - Autorinnen aus arabischen Ländern auf Tournee
 
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Schreibende Frauen im Libanon

Von Leila Chammaa

 

Ein Blick in die Geschichte

Schreibende und dichtende Frauen sind keine Erscheinung der Neuzeit. Bereits in der vorislami-schen Zeit, also vor 622 christlicher Zeitrechnung, gab es Dichterinnen, deren Namen und Texte uns überliefert sind. Erst während der Dynastie der Abbasiden, die von 750 bis 1250 christlicher Zeitrechnung von Bagdad aus regierten, wurden Frauen allmählich aus der Öffentlichkeit verdrängt. Dies betraf vor allem städtische Frauen der Mittel- und Oberschicht. Frauen in der arabischen Welt verschwanden für einige Jahrhunderte ebenfalls von der literarischen Bühne, auch wenn sie weiterhin Volksliteratur dichteten und erzählten, die mündlich überliefert wurde.

Die Anfänge schriftstellerischer Aktivität arabischer Frauen in der Neuzeit gehen auf das Ende des 19. Jhds zurück. Sie machten sich vor allem in den kulturellen Zentren Kairo und Alexandria bemerkbar. Zahlreiche dieser Frauen waren libanesischer Herkunft, denn in diesem Zeitraum vollzog sich eine breite Auswanderungsbewegung von Libanesen aus dem eigenen Land. Viele ließen sich u.a. in den ägyptischen Metropolen nieder, wo sie eine wichtige Rolle im Verlags- und Druckwesen, aber auch in der literarischen Produktion übernahmen.

Weshalb Frauen gerade zu diesem Zeitpunkt wieder schreibend in Erscheinung traten, hing mit den grundlegenden Umwälzungsprozessen zusammen, die sich damals vollzogen. Während Europa zunehmend expandierte und den Nahen Osten auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene durchdrang, setzte in der arabischen Welt, insbesondere in Ägypten Mitte des 19. Jhd, eine Reform- und Modernisierungsbewegung ein. In dieser Situation traten nun auch Frauen schreibend in die Öffentlichkeit. Mit wenigen Ausnahmen stammten die ersten Autorinnen aus der Oberschicht oder aus intellektuellen, literarisch gebildeten Familien, die ihre Töchter durch Privatlehrer Lesen und Schreiben lehren ließen und sie zum Veröffentlichen ihrer Gedanken ermutigten.

Die Poesie als literarische Gattung, die in der arabischen Welt immer einen besonderen Stellenwert hatte, war ein wichtiger Bereich des literarischen Schaffens von Frauen. Doch die Autorinnen machten sich schnell auch die Genres zueigen, die sich damals in der arabischen Welt neu herausbildeten, wie das Drama, der Roman, die Novelle und das Essay. Als Forum für die Veröffentlichung ihrer Texte dienten ihnen die seit Ende des 19. Jhds aufkommende Presse, in der zahlreiche Autorinnen als Journalistinnen tätig waren.

Während die Frauen sich in dieser ersten Phase in Lyrik und Prosa stilistisch und inhaltlich an ihren männlichen Kollegen orientierten, stellten die Journale und Tageszeitungen ein Sprachrohr für Frauen dar, in dem sie ihr neues Bewusstsein präsentierten. Themen wie die soziale und rechtliche Situation der Frau, Bildung und Polygynie wurden diskutiert. Die Autorinnen beschränkten sich nicht darauf, in bereits existierenden Zeitschriften zu veröffentlichen, sondern gründeten in Eigenregie ihre Magazine, von denen das erste 1892 in Alexandria erschien.

Die Bedeutung, die das weibliche Schreiben hatte, ist nicht zu unterschätzen, denn allein schon durch den Akt des Schreibens fielen die Frauen aus der ihnen zugewiesenen traditionellen geschlechtsspezifischen Rolle heraus. Sie stellten indirekt die herrschende Vorstellung von gesellschaftlicher Ordnung in Frage, indem sie Anspruch auf männliche Tätigkeitsbereiche erhoben. Durch die Veröffentlichung verabschiedeten sich die Frauen zusätzlich aus ihrer traditionellen Rolle im häuslich-privaten Bereich und traten unüberseh- und unüberhörbar in die Öffentlichkeit.

 

Protestliteratur

In den 50er Jahren des 20.Jhds brach eine neue Phase der Frauenliteratur an, die als feministische Phase zu bezeichnen ist. Lautstarker Protest meist junger Autorinnen gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen und die Unfreiheit von Frauen kam zum Ausbruch.

Die Anfänge der feministischen Literatur fielen in eine Zeit von Revolutionen, politischen Umwälzungen und antikolonialen Unabhängigkeitskämpfen. Die unabhängigen arabischen Nationalstaaten, die sich während des Zweiten Weltkriegs und danach konstituierten, strebten in ihrer Politik u.a. soziale und kulturpolitische Reformen an. Kultur und Bildung sollte nun nicht mehr nur den Eliten vorbehalten, sondern für die gesamte Bevölkerung zugänglich sein. Auch die Massenmedien erlebten einen Aufschwung. Mit dem Rückgang der Illiteratenquote stiegen Zeitungs- und Buchauflagen, und die Errichtung von Rundfunkstationen und Kinos leisteten ihren Beitrag zur Information und Meinungsbildung der Bevölkerung.

Dieses Klima grundlegender politischer und sozialer Veränderungen erforderte im literarischen Schaffen ästhetisch, sprachlich und inhaltlich neue Ausdrucksformen. So erlebte nicht nur die Frauenliteratur eine Innovation, sondern das gesamte literarische Schaffen.

Nach der romantischen Literaturphase forderte man von der Literatur einen Bezug zur politischen und gesellschaftlichen Realität. Der von Jean Paul Sartre übernommene Begriff der »engagierten Literatur« wurde in den 50er Jahren zum zentralen Kriterium für die Bewertung von Literatur.

Die neue Frauenliteratur entstand als Reflexion und gleichzeitig als Produkt der sozialen und politischen Entwicklungen. Auf politischer Ebene wurde um Befreiung gekämpft und den Frauen im Rahmen der Nationalstaatenbildung offiziell politische und gesetzliche Gleichberechtigung eingeräumt, im alltäglichen Leben jedoch erfuhren Frauen weiterhin Repressionen.

Die Protestliteratur weist in den arabischen Ländern viele Gemeinsamkeiten auf. Die meisten jener Romane handeln von jungen Frauen, die sich gegen eine traditionell orientierte soziale Umwelt auflehnen. Den jungen Heldinnen geht es um die Durchsetzung eigener Lebensvorstellung basierend auf einem neuen Selbstverständnis. Ihr Konflikt mit der Familie oder der sozialen Umwelt wird meist durch die Forderung der Protagonistinnen nach Schul- oder Universitätsbildung ausgelöst bzw. durch ihren Wunsch, Zugang zur Arbeitswelt zu erhalten.

Die Romane dieser Phase zeichnen sich durch ihren autobiographischen Charakter aus. Die intensive Beschäftigung mit der eigenen Person ist Teil ihres neuen Selbstverständnisses. Schon allein das Schreiben in der Ich-Form zeugt von einem emanzipatorischen Selbstbewusstsein und ist eine Gegenreaktion auf die Entindividualisierung und Ichlosigkeit der herkömmlichen Frauenrolle zu verstehen.

Charakteristisch für diese Literatur ist außerdem, dass die Protagonistinnen meist in der Rolle der Tochter auftreten - eben weil dies der wirklichen Lebensrealität der Autorinnen entspricht.

Obwohl die Romane meist mit einem optimistischen Ausbruch aus den häuslichen Mauern und den gesellschaftlichen Normen beginnen, nehmen sie ein pessimistisches Ende. Die Protagonistinnen machen die schmerzliche Erfahrung, dass ihre Lebenskonzepte unvereinbar sind mit der sich nicht verändernden sozialen Realität. Die Romane enden mit dem Tod der Protagonistinnen, oder ihrer Flucht ins äußere oder innere Exil.

Die literarische Handlung der Protestliteratur vollzieht sich in dem traditionell weiblichen Lebensraum, also in der häuslich-familiären Sphäre. Allein diese Tatsache hat eine gesellschaftliche und politische Brisanz, denn die Autorinnen gewähren damit Einblick in einen bislang der Öffentlichkeit verborgenen Lebensraum. Aus der Tochterperspektive wird über die repressiven Familienstrukturen und ungleichen Geschlechterverhältnisse berichtet. Das Private wird nach außen gekehrt und Entprivatisiert, was an sich eine tabubrechende Provokation darstellt.

Die Autorinnen verwerfen damit auch eine gesellschaftliche Bewertung des öffentlichen und privaten Bereichs. Während der traditionell dem Mann zugeordnete öffentliche Bereich von Produktion und politischer Entscheidung als der gesellschaftlich relevante galt, begriff man den Lebensbereich von Frauen als banal, denn ihre Aufgabe lag in der körperlichen, emotionalen und psychosexuellen Reproduktion des Mannes. Und eben dieser »banale«, »nicht literaturfähige« Alltag wird in dieser Phase weiblichen Schreibens zum Gegenstand der Literatur.

 

Neben algerischen spielten auch libanesische Autorinnen in dieser Literaturbewegung eine Vorreiterrolle. Als multikulturelles und multikonfessionelles Land mit den liberalsten Pressegesetzen und der größten Meinungsfreiheit innerhalb der arabischen Welt, bot der Libanon für Intellektuelle und Schriftsteller aus dem gesamten arabischen Raum Publikationsmöglichkeiten. Werke, die in den eigenen Heimatländern der Pressezensur zum Opfer gefallen wären, konnten in Beirut veröffentlicht werden. Daneben kam die vergleichsweise freie, weltoffenen Atmosphäre in der Großstadt Beirut Autorinnen für ihre schriftstellerische Aktivität und für ihre Publikationen zugute.

Bedeutende Werke libanesischer Autorinnen aus dieser Zeit, die auf Deutsch vorliegen, sind der 1958 erschienene Roman Ich lebe von Laila Baalabakki und der 1962 erschienene Roman Septembervögel von Emily Nasrallah.

Die Auseinandersetzung mit der weiblichen Rolle im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Emanzipation bleibt bis in die 70er Jahre das zentrale Thema der Frauenliteratur sowohl im Libanon als auch in anderen arabischen Ländern.

 

Bürgerkriegsliteratur

Seit Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs 1975 ist ein immenses literarisches Schaffen zu verzeichnen, das hinsichtlich seiner Quantität wie Qualität beeindruckt. Diese schriftstellerische Produktivität lässt sich damit erklären, dass viele Libanesen in den fünfzehn Jahren Krieg Zuflucht in den Schönen Künsten fanden. Gefangen im Kriegsalltag und eingesperrt in den Häusern wurde Kreativität zum lebenserhaltenden Ausweg aus der lähmenden Apathie und der Reduzierung des Daseins auf Basisfunktionen. Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen zu Papier zu bringen, war eine Möglichkeit, traumatische Erfahrungen und Angst zu verarbeiten. Die Autoren ergriffen das Wort für die Menschen, die angesichts des maßlosen Schreckens die Sprache verloren hatten.

Durch die Kriegserfahrung entwickelte sich die libanesische Literatur sprachlich, inhaltlich, stilistisch und hinsichtlich ihrer Symbole in eine völlig eigene Richtung, die sich grundlegend von den Literaturen der anderen arabischen Länder unterscheidet. Um das unermessliche Grauen beschreiben zu können, greifen die Literaten zu Stilmitteln des Surrealen, Absurden und zu extremer Ironie. Nur noch durch Übertreibung kann man sich der Realität annähern.

Ein frühes Werk der Bürgerkriegsliteratur ist der 1976 erschienene Roman Alpträume von Beirut der syrischen Autorin Ghada Samman. Die 1942 in Damaskus geborene Journalistin und Autorin zog 1964 nach Beirut und publizierte dort im Eigenverlag zahlreiche Werke, in denen die sexuelle Revolution ein zentrales Thema war. Ghada Samman liefert eine kritische Analyse der sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse im Libanon. Auch in diesem Werk ist ihr die Auseinandersetzung mit der Stellung der Frauen in der Gesellschaft ein wichtiges Anliegen.

Ein Roman, der die Veränderung gesellschaftlicher und familiärer Strukturen durch den langjährigen Krieg thematisiert, ist der 1980 erschienene Roman Sahras Geschichte von Hanan al-Scheich.

Es fällt auf, dass ein wesentlicher Teil der Bürgerkriegsliteratur von Frauen verfasst ist. Dass Frauen gerade in dieser Phase eine immense schriftstellerische Aktivität zeigten und dabei einen besonderen Stil entwickelten, kann im Zusammenhang mit dem Zerfall des Gesellschaftssystems in der Kriegssituation gesehen werden. Frauen begannen verstärkt ihre weibliche Identität öffentlich zu äußern, als in den Kriegswirren das auf patriarchale Strukturen basierende gesellschaftliche Gebäude aus den Fugen geriet und zusammenbrach.

Die Bürgerkriegsliteratur zeigt das Bild einer zerrissenen Gesellschaft. Die Zerrissenheit wird jedoch nicht auf konfessionelle Ursachen zurückgeführt, sondern auf die Spannungen innerhalb einer Gesellschaft, die sich im Transformationsprozess zwischen Tradition und Moderne befindet. In allen konfessionellen Gruppen werden ähnliche Konflikte festgestellt, die letztendlich verbindend sind.

 

Nachkriegsliteratur

Nachdem der libanesische Bürgerkrieg 1990 offiziell beendet wurde, erschienen seit Mitte der neunziger Jahre literarische Texte, die sich mit der Nachkriegsära beschäftigen. Eine Auseinandersetzung mit der neuen politischen Situation ist zweifellos eng mit einem ständigen reflektierenden Rückblick in die Kriegszeiten verbunden. Die Literaten und Intellektuellen stellen damit einen wesentlichen Gegenpol zur allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Tendenz im Libanon dar, die gewinnorientiert einen schnellstmöglichen Wiederaufbau verfolgt, und dabei den langenjährigen Bürgerkrieg verdrängt. Demgegenüber setzen sich die Literaten für eine selbst- und gesellschaftskritische Aufarbeitung der jüngsten Geschichte ihres Landes ein und kämpfen so gegen das Vergessen und Verdrängen an.

Ein beeindruckendes Werk der Nachkriegszeit ist der 1999 erschienene satirische Roman Ya Salam von Najwa Barakat. Hierin zeichnet die Autorin ein gesellschaftliches Szenario in den Nachwirkungen des Krieges. Auch wenn die Autorin die Menschen in ihren Schattenseiten und Abgründen zeichnet, ist ihr Grundtenor nicht pessimistisch.

Ein gewisser Optimismus lässt sich auch bei zahlreichen anderen Autoren und Autorinnen feststellen. Trotz ihrer schonungslosen Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen haben sie den Glauben an eine friedlichen Koexistenz der Menschen nicht verloren.

 

 

 

 


 
   
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