WECHSELSTROM - Autorinnen aus arabischen Ländern auf Tournee
 
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Dima Wannous | Leseprobe


Samîh

Das Knattern der Autos betäubte die Ohren, der Stau ließ die Aufmerksamkeit schwinden, das Chaos lärmte bösartig. Innerhalb dieser bizarren Melange aus Menschen, Autos und Lastwagen war Samîh auf der Suche nach einem Opfer, mit dem er sich über das Leben unterhalten könnte. Er suchte bereits eine ganze Weile, doch ohne Erfolg, denn die Menschen waren hungrig und nicht mehr in der Lage, in ein Taxi zu steigen und die fünfzig Lira zu blechen, die sich wegen des dichten Verkehrs noch summieren könnten. Und wenn die Menschen hungrig waren, hieß das für Samîh zweifelsohne gleichfalls Hunger. Ob er satt war oder nicht, das hing nämlich von den Sorgen der Menschen ab, vom Plaudern darüber, vom Nutzen, den man bis zum äußersten daraus ziehen konnte.

Normalerweise ging Samîh um sieben Uhr morgens aus dem Haus, wenn auch die Beamten ihre Wohnungen verließen. Und an den Tagen, an denen Gott die inständigen Gebete seiner Mutter erhörte, kehrte Samîh abends mit aufregenden Geschichten und Schmähungen im Gepäck nach Hause zurück, die ihren Rednern ein unbekanntes Schicksal bescherten. Ein entbrannter Puls, das war, wie Samîh es beschrieb, der Puls der Straße.

»Ich bin dreißig Jahre alt, unverheiratet und wohne mit meiner Mutter zusammen. Meine einzige Schwester ist mit einem kleinen Offizier verheiratet und lebt in einem der planlos hingeklotzten Wohnviertel. Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall auf der Straße Dschabla-Damaskus. Ich habe dieses Taxi gekauft, um die Ehre meiner Mutter zu schützen und sie vor der Bedürftigkeit zu bewahren.« So lautete die Selbstbeschreibung, die Samîh seinen Fahrgästen täglich dutzende Male zu Gehör brachte.

Die Beschreibung von »Hadschar«, Samîhs Auto, das war allerdings eine andere Geschichte. Die Ledersitze waren mit wärmender Schafwolle bedeckt. Ein künstlicher Weinstock hing vom Autohimmel herab, dessen rote und grüne Reben über den Köpfen der Fahrgäste baumelten. Vorne im Wagen hing ein von künstlichem Jasmin umrankter goldfarbener Rahmen mit einem Foto, auf dem Samîh auf dem »Jugendfestival« von Dschabla, das zur Provinz Tartous gehört, eine Silbermedaille entgegennimmt. Auf dem Vorderspiegel saß ein kleines Vögelchen mit verschmutzten ausgeblichenen Federn, das bei jeder starken Bremsung zu zwitschern begann. An allen vier Seiten des Autos wölbten sich grelle Lampen hervor, die das Auge durch ihr aufdringliches Licht schmerzten und deren ausstrahlende Wärme die Kopfhaut schier zum schmelzen brachte. Das Lenkrad sah aus wie eine Girlande, die an ihren eigenartigen und seltenen Plastikblumen zu ersticken drohte. Dies alles war für Samîh der Gipfel der Schönheit. Er liebte sein gelbes Auto und verwöhnte es, etwa wenn er Sprüche darauf schrieb wie: »Folgen Sie mir nicht, ich bin verlobt«, oder »Prinzessin Haschar« oder »Kein Jüngling gilt mir etwas außer Ali, und kein Schwert außer Sulfuqar«.

Samîh war ein sympathischer, vor allem aber ein außergewöhnlicher Mensch. Auf seinen dunklen Augen lag stets ein kleiner Tränenteich. Der oben hervorstehende Knochen seines langen Nasenbeins verlieh ihm zusätzlichen Ernst. Seine von den langen Hamra-Zigaretten und dem Matetee gelblich verfärbten und vernachlässigten Zähne standen beharrlich weit auseinander. Sein Brustkorb war so schmal, dass er geradezu am Rücken klebte. Er war groß gewachsen, sein Haar vorne kurz und hinten lang, was seinen länglichen flachen Hinterkopf betonte.

Endlich machte Samîh einen Mann aus, der ihm von weitem zuwinkte. Mitte vierzig. Mit einem von Kummer gezeichneten Gesicht, das von vorzeitigem Altern kündete. Er trug eine fahle, alte, Flicken übersäte Jacke. Seine an den Beinen zerrissene Hose, die um die Hüften zu weit war, wölbte sich an den Knien. Die verstaubten Schuhe klafften vorne weit auseinander, als würden sie sich über ihr eigenes Ende lustig machen. Der Mann setzte sich neben Samîh und bat ihn, nach Harasta zu fahren. Daraufhin hob Samîh auf eine Art und Weise, die nicht eines gewissen Stolzes entbehrte, die Schultern und krempelte die Ärmel hoch, so dass eine Tätowierung in Form eines Dolchs auf seinem Arm sichtbar wurde, neben dem geschrieben stand »Ich liebe dich«.

Argwöhnisch blickte Samîh zu dem Mann hinüber:

»Sie arbeiten anscheinend hier in der Nähe als Beamter und haben sich früh aus dem Staub gemacht, weil Sie erschöpft und niedergeschlagen sind?«

»Nein.«

»Dann wohnen Sie sicher in der Nähe, und ihre Arbeitsstelle ist in Harasta, aber Sie haben sich verspätet, weil Sie erschöpft und niedergeschlagen sind?«

»Nein.«

»Was ist denn dann los? Warum tragen Sie die Sorgen der ganzen Welt auf Ihren Schultern?«

»Meine Mutter ist gestern gestorben. Ich bin hierher gekommen, um eine Sterbegenehmigung zu erhalten, damit wir morgen früh für ihre Seele beten und sie beerdigen können.«

»Braucht der Tod jetzt wirklich schon eine Genehmigung?« Samîh sagte diesen Satz so voller Ironie, dass selbst er von seinen theatralischen Fähigkeiten überrascht war. Dann setzte er das Gespräch, ganz von sich eingenommen, fort: »Also ich persönlich kann nicht mehr begreifen, was in diesem Land eigentlich vor sich geht. Wenn man lebt, braucht man eine Genehmigung, und wenn man stirbt, auch; wenn man heiratet und wenn man sich trennt; wenn man Kinder kriegt und wenn man abtreibt; wenn man etwas verkauft oder kauft; wenn man einen Job findet und wenn man entlassen wird. Unglaublich! Das ist doch nicht mehr zum Aushalten.«

Der Mann verharrte in Schweigen, er nickte nicht einmal. Da sah Samîh ihn an und fragte allen Ernstes: »Ist die Frau Mutter eines natürlichen Todes gestorben oder hatte sie einen Herzanfall?«

»Herzinfarkt. Sie ist in der Nacht gestorben. Als wir morgens aufwachten, fanden wir die ausgestreckte, kalte Leiche auf dem Bett.«

»Es gibt keinen Gott, außer Gott. Gottes Segen sei mit ihr. Möge Gott sie und alle miteinander segnen. Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit, aber meiner Meinung nach ist Ihre Frau Mutter durch den Stress gestorben, der den ganzen lieben langen Tag auf ihr lastete. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihre Frau Mutter jeden Abend ihren Unmut heruntergeschluckt hat und schweigend schlafen gegangen ist. Sagen Sie mir jetzt nicht, sie war zufrieden. Wer von uns ist denn schon zufrieden, Mann? Ich bin sicher, dass Ihr Gehalt und das Gehalt Ihrer Brüder, wenn Sie Brüder haben, nicht einmal ausreichen wird, um die Beerdigung und die Trauerzeremonie zu bezahlen. Es ist doch wirklich nicht mehr zum Aushalten, Mann.«

Der Mann ließ keinerlei Reaktion erkennen. Deshalb setzte Samîh nach: »Ist doch so, oder?«

»Meine Mutter hat in Wahrheit seit dem Tod meines Vaters keinen einzigen schönen Tag erlebt. Sie wohnte bei uns zu Hause, aber sie vertrug sich nicht mit meiner Frau. Deshalb hat sie mich ständig darum gebeten, sie in ein Altersheim zu geben.«

»Na klar, und wie sollen Sie sie in ein Altersheim geben? Erstens ist das viel zu teuer, und zweitens verwerflich. Die Verantwortlichen in unserem Land haben doch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, einen angenehmen und hübschen Ort für die betagten Menschen zu schaffen. Die Alten brauchen eine wunderschöne Natur, besondere Aktivitäten und gesundes und gutes Essen. Meinen Sie nicht auch?«

»Sicher. Aber ich habe sie aus sentimentalen Gründen nicht ins Altersheim gegeben. Ich hing sehr an ihr und konnte sie nicht einfach so wegwerfen.«

»Verzeihen Sie, aber laut Psychologie haben Sie jetzt das Wort »wegwerfen« nicht einfach so aus Zufall gesagt. Das bedeutet also, dass Sie zugeben, dass die Altenheime in unserem Land so etwas sind wie Müllkippen.« Der Mann nickte unbeteiligt. Es verging eine Weile, dann suchte Samîh nach einer neuen Möglichkeit.

Er schaute den Mann mit einem mitleidig-boshaften Blick an und sagte: »Wenn Ihre Frau Mutter aus Kummer über den Verlust Ihres Herrn Vaters gestorben ist, dann versuchen Sie jetzt nicht, mich davon zu überzeugen, dass Ihr Vater aufgrund eines natürlichen Todes verschieden ist. Er war bestimmt ein unglücklicher, von ständigen Sorgen geplagter Mensch.«

Der Mann pflichtete Samîh mit einem Kopfnicken bei, setzte aber hinzu: »Ehrlich gesagt hat mein Vater vier Jahre lang gegen diese Krankheit angekämpft – möge Gott uns vor ihr schützen.«

Verwundert zog Samîh seine Augenbrauen hoch: »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, mein Herr«, entgegnete er, »aber ich verstehe wirklich nicht, wie Ihr Herr Vater die Krankheit ganze vier Jahre lang hatte ertragen können. Seien Sie mir nicht böse, ich bitte Sie, aber wenn wir Gesunden uns schon nicht an dieses ungerechte Leben klammern, wie kann dies dann ein Kranker tun?«

Der Mann schien zusehends verärgert. Vermutlich war er Samîhs Drängen überdrüssig. Erst gestern war seine Mutter verstorben und ihre Leiche lag noch immer im Kühlschrank des Krankenhauses von Harasta - obgleich es doch der Respekt gegenüber den Toten gebot, sie zu beerdigen. Doch Samîh hielt keinen einzigen Augenblick inne und setzte unverzüglich seine Beschäftigung fort, von der er und seine Familie lebten. Er hob seine Hand und berührte dabei aus Versehen das Vögelchen, das vom Vorderspiegel baumelte, so dass es ein durchdringendes Zwitschern von sich gab. Dann landete Samîhs Hand ohne Vorwarnung auf der Schulter des armen Mannes, der dadurch aus seinen Gedanken an den Tod und die Einsamkeit gerissen wurde. Aufgeschreckt durch diese unerwartete Geste blickte der Mann Samîh fragend an, und Samîh setzte seine Rede fort, als wäre nichts gewesen:

»Ich arbeite jetzt seit drei Jahren als Taxifahrer, und das Radio ist mein einziger Kontakt zur Außenwelt. Einmal habe ich mich wirklich über ein Programm in Radio »Sawa« gewundert, das hieß »Ihre Gesundheit und Sie«. Ich habe da gehört, wie sie sagten, dass die Krankheit, an der Ihr Herr Vater erkrankt war, Gott schütze uns davor – ich meine vor der Krankheit, nicht vor Ihrem Herrn Vater - in jedem Körper steckt, aber nur bei mangelnden Abwehrkräften ausbricht. Und die Abwehrkräfte schwinden, das wissen Sie genau, durch Kummer und Sorgen und Katastrophen. Was ich damit meine, ist, kurz gesagt, dass Ihr Herr Vater – Gott sei seiner Seele gnädig – wegen der Sorgen und dem Gram und der Armut erkrankte und vielleicht wegen dem Leid und der Verzweiflung und dem Elend, so dass seine Abwehrkräfte schwanden, und alles kam, wie es kam.«

Es schien, dass Samîhs Worte den Kummer des Mannes noch vergrößerten, so dass ihm nichts anderes übrig blieb als zu schweigen. Es war dies eines der seltenen Male, bei denen es Samîh wirklich schwer fiel, ins Herz seines Kunden vorzudringen und dessen Sorgen aufzustöbern, die wie eine Seidenraupe an den Adern klebten. Doch er würde nicht aufgeben. Seine Mutter wartete zu Hause, aber die Menschen waren hungrig und nicht mehr in der Lage, die fünfzig Lira für ein Taxi zu berappen, die sich wegen des Verkehrsstaus leicht summieren konnten.

Er schaute den Mann an und sagte vollkommen ungerührt: »Wissen Sie, mein Herr, dass ich das Radio nicht ausstehen kann, aber dass ich, wie ich Ihnen schon sagte, seit geraumer Zeit gezwungen bin, ihm zuzuhören, weil es mein einziges Fenster zur Welt ist. Aber ehrlich gesagt, 'Radio Damaskus' kann ich nicht ausstehen. Ich hasse diese dämlichen Moderatoren, die einem vorkommen, als wären sie aus der Steinzeit. Und diese uralten Lieder, die längst ausgestorben sind, öden mich an. Selbst die Nachrichten bei denen sind gefälscht und frei erfunden. Stimmen Sie mir zu?« »Ich stimme Ihnen in allem zu«, erwiderte der Mann, »aber ich bitte Sie, ein bisschen Tempo zuzulegen, denn ich habe es eilig.« Samîh krempelte sich erneut die Ärmel hoch und drückte aufs Gas. Der Wagen schoss los, und das Vögelchen begann wegen des Tempos zu lamentieren. Aber keiner wollte kapitulieren. Nicht das Vögelchen und nicht Samîh. Ernsthaft fuhr Samîh fort: »Aber Radio 'Sawa', das ist was anderes. Die haben anständige Nachrichten, mein Herr, die drücken den Puls der Straße aus. Die sagen die Wahrheit über die Unterdrückung, der wir täglich ausgesetzt sind. Und sie haben unentwegt die Nachrichten über die armen Gefangenen im Auge. Sie wissen natürlich, dass 'Radio Sawa' zum amerikanischen Satellitensender 'al-Hurra' gehört. Selbst der Fernsehsender ist anständig und berichtet objektiv. Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, ich weiß genau, dass Ihre Frau Mutter erst gestern gestorben ist und dass sie mit der Beerdigung und der Trauerzeremonie beschäftigt sind. Aber Ihre Frau Mutter ist gestern gestorben, also am Samstag. Am Freitag war sie also noch bei Ihnen. Haben Sie zufällig 'al-Hurra' geschaut?« Der Mann hob den Kopf. »Ich habe mit meiner Mutter zusammen gesessen - möge Gott der Seele Ihrer Mutter und unserer aller Seelen gnädig sein – und 'al-Hurra' gesehen«, fuhr Samîh fort. »Es gab ein Programm mit einem syrischen Oppositionellen und einem Regierungstreuen. Sehen Sie diese Objektivität? Ein Oppositioneller und ein Regierungstreuer. Aber ehrlich, mein Herr, der Oppositionelle war viel überzeugender als der Regierungstreue. Der Oppositionelle verfügte über Argumente und eine Logik, während der Regierungstreue ein richtiger Skandal war, oder eine Katastrophe, wenn Sie so wollen. Wie ein Papagei hat er die Slogans nachgeplappert, die er auswendig gelernt hat. Und Sie erzählen mir nun, dass Ihr Vater gestorben ist und Ihre Mutter auch. Mein Herr, ich beneide die Toten mittlerweile. Zumindest sind sie ihre Sorgen los und müssen diesem dämlichen Papagei nicht mehr zuhören.«

Der Mann stimmte voll und ganz zu. Jedem Wort, das Samîh sprach, wollte er zustimmen, doch nur unter der Bedingung, dass dieser sich ein wenig beeilte, weil doch seine Mutter einsam im Kühlschrank wartete.

 

Aus dem Arabischen von Larissa Bender


Maha

Dunkle Wolken breiteten sich an jenem Morgen am Damaszener Himmel aus, und wie um sie zu reizen, zogen sie sich über Mahas Haus besonders dicht zusammen. Sie hasste Wolken, hielt die Finsternis für ein böses Omen, fürchtete Donner und Blitz, hatte Angst vor Naturkatastrophen und verfolgte regelmäßig den Wetterbericht und die Nachrichten über Erdbeben und Orkane und die Geschwindigkeit der Winde. Doch heute verblüffte Maha die Wolken damit, dass sie sich nicht darum scherte, dass diese die Sonne verdeckten. Denn am heutigen Tag schien die Sonne in ihrem Inneren, und keiner Macht der Welt würde es gelingen, ihr ihre gute Laune zu verderben und sie zu beunruhigen.

Heute würde sie so leben, wie sie es sich seit fünfzehn Jahren erträumte. Jahr um Jahr hatte sie an ihrem gewohnten Schreibtisch gesessen. Mechanisch ihre Arbeit erledigt. Geschwiegen, wenn es nötig war. Und wenn man sie nach ihrer Meinung gefragt hatte, hatte sie ihre wenigen Worte mit Bedacht gewählt. Die Naturkatastrophen, die Kriege, die Terroranschläge, die Entdeckung eines Vulkankraters in Syrien und die Prophezeiung eines Astrologen über ein zerstörerisches Erdbeben in der Region, das waren die einzigen Themen, die sie dazu bringen konnten, breit und ausführlich zu plaudern und ihren Gefühlen und Empfindungen freien Lauf zu lassen. Fünfzehn Jahre hatte sie nun an ihrem gewohnten Platz verbracht. Für Auseinandersetzungen auf der Arbeit interessierte sie sich nicht, und sie beteiligte sich niemals an einem Gespräch, das die Institution, in der sie tätig war, unrühmlich erwähnte. Sie lächelte ohne Unterlass, so dass das Lächeln von ihren Augen, ihrem Mund und ihrer Nase nicht mehr wegzudenken war. Ihre schlechte Laune offenbarte sich nicht in einem Stirnrunzeln oder einem Zähnefletschen, sondern in einem Leuchten der Augen, das in den Momenten der Niedergeschlagenheit erlosch, ohne dass man es tatsächlich daran hindern konnte, gänzlich zu verschwinden.

Maha machte die drei Wohnzimmerfenster auf und sog die kühle, von den Tränen der Wolken in der letzten Nacht geschwängerte Luft ein. Sperrangelweit öffnete sie sie, so dass man hätte meinen können, die Fenster umarmten Maha und drückten sie an ihre Brust. Doch Maha überließ sich dieser morgendlichen Umarmung nicht. Sie setzte sich auf einen Stuhl, dem grau verhüllten Himmel gegenüber, und begann mit wohliger Anspannung an der Morgenzigarette zu ziehen. Vielleicht war dies der erste Morgen, an dem Maha nicht mit dem Sortieren ihrer Rechnungen und dem Zählen ihres und Munirs übrig gebliebenen Gehalts beschäftigt war; an dem sie sich nicht darüber den Kopf zerbrach, wie sie den endgültigen Verbrauch des Heizdiesels in den Kanistern hinauszögern konnte, ohne dass ihr einziger Sohn der Kälte ausgesetzt würde. Sie könnte jetzt die Farbe der Wände, die sich nicht vor der Gier der Feuchtigkeit hatten retten können, ändern. Sie würde die alten, ausgeblichenen, deprimierenden Sitzmöbel in der Wohnung auswechseln, deren Bezug so abgewetzt war, dass der nackte Schaumstoff darunter hervorquoll. Sie würde neue Kleidung für ihre kleine Familie kaufen. Sie würde sich diese seltenen Augenblicke nicht entgehen lassen und sich nicht aufs Neue mit finanziellen Problemen beschäftigen ... Doch plötzlich spürte sie, wie eine gewaltige Angst an ihren Knochen zu nagen begann und ihr den Morgen verdarb. Was würde wohl geschehen, wenn ihre Kollegen in der Redaktion gegen den Beschluss, sie zu ihrer Direktorin zu ernennen, Einspruch erhöben? Gut, und was wäre, wenn der Generaldirektor sich vielleicht weigerte, den Beschluss mit der Begründung zu unterzeichnen, ihr mangele es an Qualifikation, oder sie sei angesichts ihres schwachen Charakters und ihrer Angst vor der Konfrontation nicht in der Lage, eine ganze Abteilung zu leiten? Bestimmt kannte der Direktor aber all diese Details gar nicht, und außerdem verband ihn sowieso keine persönliche Beziehung mit ihr. Angenommen, ihre Freunde auf der Arbeit freuten sich über die Nachricht und der Direktor unterzeichnete den Beschluss wie viele andere auch, ohne ins Detail zu gehen, wäre es dann nicht vielleicht möglich, dass die frühere Direktorin Nadschâh sich an ihren Stuhl klammerte und ihre Beziehungen spielen ließ, damit ihr Vertrag verlängert würde? Aber Nadschâh hatte das Rentenalter erreicht, und es war ihr gesetzlich gar nicht möglich, an ihre Arbeitsstelle zurückzukehren. Maha gingen wie gewöhnlich nur potenzielle schmerzliche Enttäuschungen durch den Kopf, sie verfügte über eine ausgeprägte Fähigkeit, sich die Laune zu verderben und erfreulichen Dingen voller Pessimismus und Niedergeschlagenheit zu begegnen.

Gedankenversunken saß Maha da. Fast wäre der Firmenbus ohne sie abgefahren, ohne die Frau Direktor. Sie ging schnell in ihr armseliges, kaltes Schlafzimmer, wo das Bett sich einsam fühlte, weil kein Kleiderschrank mit ihm sprach und kein Tisch und kein Stuhl ihm ihr Elend und ihre Sorgen anvertrauten. Als Maha beschlossen hatte, zusätzliche Möbel für ihr Schlafzimmer anzuschaffen, hatte sie einen länglichen Spiegel hervorgeholt und ihn genau dem Bett gegenübergestellt, so dass das verwitterte Holz und das angebrochene Bein von vorne glänzten. Sie zog sich eilig an und vergaß auch nicht, die Augen mit Kohl zu färben und Lippenstift auf ihre schmalen Lippen aufzulegen. Sie hatte feine Gesichtszüge für ihr Alter. Aber sie war von so kleiner Statur, dass es auf sie selbst und ihre Umgebung geradezu verstörend wirkte. Ihre Haut war durchscheinend und weiß wie Schnee, aber mit so groben Poren, dass sie an Bierschaum erinnerte, der beim Hineinpusten Blasen wirft. Sie hatte honigfarbene Augen. Ihr kurzes Haar von der Farbe des Johannisbrotbaums färbte sie regelmäßig goldblond. Ihr fülliger Leib wirkte unter der Kleidung korpulent. Im langen Rock wirkte ihr Körper wie zusammengepresst, und der Schal, den sie sich um den Nacken legte, ließ den Eindruck entstehen, als habe sie keinen Hals.

Verstört und bedrückt verließ sie die Wohnung. Sie stieg die fünf Stockwerke hinab und glaubte zu träumen. Sie hatte das Gefühl, immer tiefer hinab zu steigen, ohne ins Freie zu gelangen. Plötzlich bemerkte sie, wie lang die Treppe tatsächlich war, und zum ersten Mal wurde ihr richtig bewusst, dass sie im letzten Stockwerk wohnte und dass das Hinabsteigen genauso ermüdend war wie das Hinaufsteigen. Das Hupen von Abu Muhammad unterbrach ihre Gedanken. Sie stürzte los, doch ihr kleiner Wuchs erlaubte keine großen Schritte. Wenn sie sich beeilte, sah es aus, als liefe sie um die Wette. Endlich sah Abu Muhammad sie von weitem kommen. Wie üblich schaffte sie es nicht, die Tür des »Service-Busses« zu öffnen, so dass einer der Kollegen ihr zu Hilfe kam. Sie warf sich auf den Rücksitz. Vergeblich versuchte sie, ihr Keuchen unter Kontrolle zu bringen und begnügte sich deshalb damit, Abu Muhammad mit einem Heben des Kopfes und der Augenbrauen zu begrüßen. Normalerweise liebte Maha diese Augenblicke; während dieser halben Stunde, die ihre Wohnung von der Arbeit trennte, forderte das Leben nichts von ihr außer, auf dem Platz am Fenster zu sitzen und auf die Welt zu blicken, die mal geschwind, mal gemächlich an ihr vorbeizog. Doch heute vertiefte sich Maha nicht in den Anblick, sondern forderte Abu Muhammad auf, sich ein wenig zu sputen.

Pünktlich um zehn Uhr traf sie ein. Der Direktor war mit dem Unterzeichnen der Korrespondenz beschäftigt. Sie setzte sich ins Wartezimmer. Erst zweimal innerhalb von fünfzehn Jahren hatte sie diesen Raum betreten. Einmal, um um eine feste Stelle als offizielle Angestellte nachzusuchen, mit einer geringen Anhebung des Gehalts und dem Anrecht auf Prämien und Sonderzahlungen, die der Präsident der Republik anlässlich besonderer Feiertage anordnete, sowie einem Jahresurlaub. Ein zweites Mal, als der Generaldirektor eine Redaktionssitzung einberief, um ihnen »angesichts der kritischen Lage« die Notwendigkeit der sensiblen Formulierung der Nachrichten einzuschärfen. Verwundert blickte Maha sich im Wartezimmer um: Ein großes schwarzes Kanapee, in dessen dunklen Farbton sich auf unverschämte Weise ein Gelbton eingeschlichen hatte. An den Seiten hingen vom Staub fahl gewordene, goldfarbene Quasten herab. In der Mitte des Raumes stand ein holzbeiniger Tisch mit Glasplatte, und darauf eine aus bunter Wolle handgefertigte Blumenvase mit künstlichen Blumen, die von Schmutz nur so strotzten. An der der Türe gegenüberliegenden Wand befand sich ein gewaltiger Bücherschrank. Wissenschaftliche Lexika, Bücher über die Geschichte der regierenden Baath-Partei, eine Reihe über den arabischen Nationalismus sowie alte Bücher über den Sozialismus drohten die sich unter dem Gewicht biegenden Regalbretter schier zu erdrücken. Die andere Wand trug enorm schwer an der ungeheuren Verantwortung, die man ihr aufgebürdet hatte: In der Mitte hing ein riesiges Bild, auf dem geschrieben stand: »Eine arabische Nation, mit einer ewigen Botschaft«. Unsere Ziele: »Einheit, Freiheit, Sozialismus«.

»Wir befinden uns in einer sehr kritischen Phase. Die Medien sind das stärkste Mittel, um dem zionistischen Plan, der für eine Judaisierung unseres arabischen Bodens und die Vernichtung der Ehre des arabischen Bürgers geschmiedet wird, etwas entgegen zu setzen. Jetzt bist du Teil unserer Medien, die dem ausländischen Druck von Angesicht zu Angesicht trotzen und sich von Trivialitäten und von rassistischen Streitereien und der Bosheit mancher Gruppierungen fernhalten.«

Maha hatte den Belehrungen, die aus dem Mund des Generaldirektors kollerten, nicht zugehört. Ihre einzige Sorge war, den Beschluss ihrer Ernennung offiziell abgestempelt zu sehen und in die Redaktion zu hasten, nicht als Kollegin, sondern als Direktorin, die sich auf den hölzernen Stuhl hinter den in eine Ecke des Raumes gezwängten Tisch setzte. In dem winzigen Raum, in dem sich die drei Schreibtische aneinander drängten. Nur der Schreibtisch der Direktorin stand isoliert von den anderen Tischen in der westlichen Ecke und blickte auf den Qassjoun-Berg, an den sich die Stadt Damaskus schmiegte.

Maha verließ das Zimmer des Generaldirektors. Sie eilte, lief, flog, wollte die Treppenstufen zur Redaktion geradezu verschlucken, wünschte sich, dass eine Wolke von außen hereinschwebte und sie mit sich trüge und ihr die Mühen des Ersteigens der Treppe ersparte. Denn wenn sie eine Treppe hochstieg, sah es tatsächlich aus, als ersteige sie sie, sie packte das Geländer und zog ihren Leib hoch, so dass der Körper noch vor den kurzen Beinen anlangte.

Ihre Kollegen in der Redaktion kannten sie gut. Spürten deutlich ihre Angst. Sahen ihre Schwäche und ihre unsichere Persönlichkeit mit ungetrübten Augen. Voller Vertrauen und ausdrucksvoller Beflissenheit betrat Maha den Raum, um ihre Schwäche und Verunsicherung zu überspielen. Sie war beschäftigt mit der kühlen Begrüßung ihrer Kollegen, mit deren derber Art, sie zu beglückwünschen. Sie war beschäftigt mit ihrer Angst vor deren Grobschlächtigkeit.

In Wahrheit aber würde der Stuhl nichts weiter als noch mehr Furcht und Rücksicht mit sich bringen, denn nun war sie für diese Abteilung und folglich für alle Gespräche und Diskussionen verantwortlich, die dort geführt wurden. Es waren jetzt nicht mehr die Erdbeben und die Vulkane die einzigen Themen, die sie laut werden ließen und ihrer Stimme freien Lauf ließen. Der Stuhl war so kostbar, und ihn zu behalten, verlangte schmerzliche Kompromisse. Ihre hauptsächliche Arbeit bestand nun darin, die weise Politik der Regierung zu verteidigen und gegen die arabischen Führer anzugehen, die ihren Patriotismus für ein paar Millionen Dollar verkauft hatten. Während ihrer kompletten Arbeitszeit war sie nun völlig davon in Anspruch genommen, die Meinungen ihrer Mitarbeiter einzuholen und wütend darauf zu reagieren. Ihr entging kein Zwinkern, und kein Flüstern blieb ihr verborgen. Sie bekämpfte alle stilistischen Neuerungen beim Verfassen von Nachrichten, doch ... eigentlich kämpfte sie nicht dagegen, sie fürchtete sie. Sie hatte Angst davor und sah in ihnen eine eiserne Hand, die ihr gewaltsam den Stuhl fortzog. Sie wurde geizig, oder besser gesagt, außerordentlich besorgt über die Finanzen des Staates. Aus Angst, eines Tages dafür getadelt zu werden, das Papier zu früh aufgebraucht zu haben und für diese Verschwendung zur Rechenschaft gezogen zu werden ... und dann den Stuhl zu verlieren, bewahrte sie das alte gelbliche Papier, auf dem die Nachrichten geschrieben wurden, auf. Und wenn ihre Kollegen über die Lage sprachen, und über die Korruption, die Unterdrückung oder über die Härte diskutierten, dann eilte Maha zur Tür und streckte ihren kleinen Kopf hinaus, um sich zu vergewissern, dass kein Neugieriger sich auf dem Flur herumtrieb. Danach schloss sie die Tür fest zu, kehrte bedächtig an ihren Schreibtisch zurück und bat darum, zu schweigen oder zumindest die Stimmen zu senken. Sie überging ihre Mitarbeiter bei allen offiziellen Aufträgen und berichtete persönlich über die Nationalfeiertage und Festlichkeiten. So kaufte sie für den Preis des Hofierens immer wieder einen neuen Nagel, mit dem sie den Stuhl auf lange Zeit hin festnageln konnte.

Kurz gesagt, Maha verabschiedete sich auf unbestimmte Zeit von den Vulkanen und den Erdbeben und den archäologischen Entdeckungen. Das Plaudern darüber hatte keinerlei Nutzen, es produzierte keine Nägel in dieser kritischen Phase in der Geschichte unserer Nation.

 

Aus dem Arabischen von Larissa Bender


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