WECHSELSTROM - Autorinnen aus arabischen Ländern auf Tournee
 
Wechselstrom
Hauptachse
Seitenstrasse
Autorinnen
Begleitung
Projektkonzept
Projektleitung
Arabische Literatur
Förderer
Presseinformation
Pressestimmen
Badische Zeitung 02.10.08
Süddeutsche Ztg. 02.10.08
Süddeutsche Ztg. 06.10.08
Badische Zeitung 07.10.08
Kulturjoker, November 08
Impressionen
Projektarchiv

Scheherezade schreibt

Schriftstellerinnen aus arabischen Welt lesen in Freiburg


Presseabdruck aus: Badische Zeitung (02. Oktober 2008)


"Die Frauenliteratur boomt"

BZ-INTERVIEW mit dem Islamwissenschaftler Stefan Weidner über Autorinnen in den arabischen Ländern — Lesung in Freiburg

 

"Wechselstrom" : Zum zweiten Mal machen junge Autorinnen aus entlegenen literarischen Landschaften auf ihrer Tournee durch Deutschland im Literaturbüro Freiburg Station. Nach Schriftstellerinnen aus Mittel- und Osteuropa sind es jetzt schreibende Frauen aus den arabischen Ländern. Ihre Lesungen werden moderiert von dem Islamwissenschaftler Stefan Weidner. Ludwig Ammann sprach mit ihm.

 

BZ: Sie übersetzen und vermitteln zwischen der arabischen und deutschen Literatur und kennen sich wie kein zweiter aus in den Literaturszenen von Marokko bis zum Golf. Sind schreibende Frauen in der arabischen Welt etwas Neues? Hat ihr Anteil auffällig zugenommen?

Weidner: Tatsächlich kennt die arabische Literatur seit ihren Anfängen schreibende Frauen. Im arabischen Andalusien gab es mehr Dichterinnen als im ganzen christlich-europäischen Mittelalter. Romane von arabischen Frauen erscheinen seit den fünfziger Jahren, und seit den neunziger Jahren boomt die Frauenliteratur regelrecht. Lange waren Beirut und Kairo die Zentren für diese Literatur, aber mittlerweile finden wir sie auch in Provinzstädten der arabischen Welt und in früher völlig abgeschotteten Gesellschaften wie Saudi-Arabien. Dort entstehen heute die überraschendsten, spannendsten Texte, dank Internet und der Vernetzung der arabischen Intelligenzia werden solche Werke schnell überall bekannt.

BZ: Wie wichtig sind diese Stimmen? Werden sie gehört, setzen sie neue Akzente, verändern sie den Diskurs?

Weidner: Eine arabische Autorin, die erstmals ein Buch veröffentlicht, hat heute sogar mehr Chancen, wahrgenommen zu werden, als ihr männlicher Kollege. Einerseits ist das weibliche Schreiben enttabuisiert, andererseits gilt es immer noch irgendwie als etwas Besonderes. Davon profitieren die Autorinnen, spielen teilweise bewusst mit dieser medialen Rolle, wie etwa Salwa Al Neimi, die jetzt mit ihrem erotischen Roman "Honigkuss" weltweiten Erfolg hat. Sie verändern den Diskurs insofern, als sie andere Frauen durch ihren Erfolg zum Schreiben animieren und natürlich, durch ihr öffentliches Auftreten, gegen das immer noch vorherrschende konservative Frauenbild Front machen.

BZ: Welche Hürden sind zu überwinden?

Weidner: Die größte Hürde ist sicher die Selbstzensur und der Mut, dessen es bedarf, um überhaupt an die Öffentlichkeit zu treten, sich schreibend vor aller Augen zu entschleiern. Das fällt Autorinnen aus der gebildeten Oberschicht, die oft mit Fremdsprachen aufwachsen und sehr verwestlicht sind, natürlich leichter. Insofern ist die arabische Frauenliteratur nur begrenzt repräsentativ: die konservativen, islamisch geprägten Frauen schreiben keine Romane! Eine andere Hürde besteht natürlich in der männlichen Dominanz des Buchmarktes und der Literaturkritik. Staatliche Zensur ist selten ein Problem, aber nur die wenigsten Autor(inn)en können vom Schreiben leben, sie müssen immer noch nebenbei einen Brotberuf haben.

BZ: Warum schreiben diese Frauen? Hat diese Tätigkeit Sozialprestige — oder würde man heute als kluge Frau eher in die Politik oder zum Fernsehen gehen?

Weidner: Wer berühmt werden will, geht zum Fernsehen oder wird Sängerin. Wer schreibt, will etwas anderes. Schreiben ist, in der arabischen Welt noch mehr als hier, eine Trotzhaltung gegen die herrschenden Verhältnisse, auch natürlich gegen das verbreitete Desinteresse an ernsthafter Kultur. Wer schreibt, muss erstmal sagen: Ihr könnt mich alle mal, ich mache jetzt, was ich will, euer Urteil ist mir egal. Es ist eine Form der Radikalität, des Eigensinns, der Kompromisslosigkeit. Denn auch wenn es mittlerweile einige arabische Bucherfolge gibt: Die größte Wahrscheinlichkeit ist immer noch, völlig ignoriert zu werden.

BZ: Gibt es bevorzugte Themen und Formen? Womöglich gar "Frauenthemen" oder im Gegenteil gerade nicht?

Weidner: Es ist schon so, dass Frauen häufiger über die Liebe schreiben als über die Politik — das liegt an der nicht-öffentlichen Rolle der Frau. Immer beliebter wird das Thema Sex, einesteils, weil das Tabuthema Aufmerksamkeit verspricht, andererseits, weil hier die öffentliche Heuchelei am größten ist, weil es ein echtes Problem ist, wenn die Jungfernhautchirugie ein blühender Zweig der Medizin in der arabischen Welt ist.

BZ: In der Türkei schreiben heute auch Frauen aus dem konservativ-religiösen Lager Bestseller. Wie ist das in der arabischen Welt?

Weidner: Das ist die spezifische Modernität der Türkei. Es gibt ein paar konservative Journalistinnen und Intellektuelle in der arabischen Welt, aber islamistische Schriftstellerinnen, die dazu noch Erfolg haben — darauf warten wir noch.

 

 


 
   
© 08/2007-02/2012  -  webwork by beebox